
Lucian Holtwiesche
CEO & Co-Founder
19.05.2026
Betriebsärztliche Versorgung in Deutschland: große regionale Unterschiede, alternde Ärzteschaft
3 Min.
Einleitung
Das Arbeitssicherheitsgesetz schreibt vor, dass jedes Unternehmen, unabhängig von Größe und Branche, eine:n Arbeitsmediziner:in für seine Mitarbeitenden zur Verfügung stellt. Dabei ist es viel mehr als nur eine Pflicht. Arbeitsmediziner:innen überprüfen die Arbeitsplätze auf Gesundheitsrisiken, helfen bei der Wiedereingliederung nach langer Krankheit, führen Vorsorgeuntersuchungen durch und beraten die Unternehmen in Fragen des Gesundheitsschutzes. Wir haben auf Basis von Daten der Bundesärztekammer und der Landesärztekammern ausgewertet, wie diese gesetzliche Pflicht mit der tatsächlichen Versorgungslage zusammentrifft. Bundesweit kommen rechnerisch knapp 11.000 Beschäftigte auf eine:n der rund 4.200 in Deutschland tätigen Arbeitsmediziner:innen. In einzelnen Bundesländern sind es über 16.000.
Wenige Hundert Fachkräfte für Millionen Beschäftigte
Schaut man sich die absoluten Zahlen der Betriebsärzt:innen in den einzelnen Bundesländern an, zeigt sich eine teils geringe personelle Ausstattung. Im Saarland sind es etwa 49 Fachkräfte, in Mecklenburg-Vorpommern 52, in Thüringen 62 und in Bremen 64. Die höchsten absoluten Zahlen weisen Nordrhein-Westfalen (877 Betriebsärzt:innen), Baden-Württemberg (624) und Bayern (587) auf. Zusammen stellen diese drei Länder fast die Hälfte aller bundesweit tätigen Fachkräfte.
Bis zu viermal so viele Beschäftigte pro Arbeitsmediziner:in, je nach Bundesland
Bundesweit kommen auf die rund 46 Millionen Beschäftigten insgesamt 4.202 Arbeitsmediziner:innen. Das entspricht 9,14 Fachkräften pro 100.000 Beschäftigte. Die Verteilung zwischen den Bundesländern ist jedoch sehr ungleich. Hamburg hat mit 21,9 Arbeitsmediziner:innen pro 100.000 Beschäftigten die höchste Dichte, gefolgt von Bremen (14,34), Sachsen-Anhalt (13,21) und Berlin (11,57). Am anderen Ende der Skala stehen Sachsen (5,00), Thüringen (6,18) und Brandenburg (6,21). Dort gibt es zwischen einem Drittel und einem Viertel so viele Fachkräfte pro Beschäftigten wie in Hamburg.
In mehreren Bundesländern betreut eine Fachkraft mehr als 15.000 Beschäftigten
Das zeigt sich auch in der absoluten Belastung pro Fachkraft. Im Durchschnitt betreut ein:e Arbeitsmediziner:in bundesweit 10.943 Beschäftigte. Die niedrigsten Verhältniszahlen, also die Bundesländer, in denen auf eine:n Arbeitsmediziner:in die wenigsten Beschäftigten entfallen, sind Hamburg (4.565), Bremen (6.972), Sachsen-Anhalt (7.567) und Berlin (8.637). Die Bundesländer, mit den meisten Beschäftigten pro Arbeitsmediziner:in sind Bayern (13.410), Mecklenburg-Vorpommern (14.433), Brandenburg (16.096), Thüringen (16.193) und Sachsen (18.137). Das heißt, dass dort bis zu 18.000 Menschen auf eine:n Arbeitsmediziner:in treffen.
Ein Drittel der Arbeitsmediziner:innen steht kurz vor dem Ruhestand
Neben der aktuellen Versorgungslage ist vor allem das Alter der rund 4.200 Arbeitsmediziner:innen entscheidend für die Frage, wie sich die Lage künftig entwickelt. Die Fachkräfte, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, stehen anschließend nicht mehr zur Verfügung. Angesichts des geringen Nachwuchses ist nicht mehr zu erwarten, dass die entstehenden Lücken vollständig geschlossen werden.
In Deutschland sind über 65 Prozent der Arbeitsmediziner:innen mindestens 50 Jahre alt. In Hamburg ist dieser Anteil mit 78,33 Prozent besonders hoch. Ähnlich sieht es in der Ärztekammer Nordrhein aus, die einen Teil von Nordrhein-Westfalen vertritt. Hier sind es 79 Prozent. In einigen anderen Regionen ist der Anteil der älteren Arbeitsmediziner:innen niedriger. Dazu gehören Brandenburg mit 61,97 Prozent, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg mit 63,50 und 63,6 Prozent.
Bundesweit sind 33,15 Prozent der Arbeitsmediziner:innen 60 Jahre oder älter. Besonders hoch fällt der Anteil bei der Ärztekammer Nordrhein aus: Dort sind 57,62 Prozent der registrierten Fachkräfte in dieser Altersgruppe. Auch im Saarland (51 Prozent) und in Hamburg (50 Prozent) ist mehr als jede zweite arbeitsmedizinische Fachkraft mindestens 60 Jahre alt. Die geringsten Anteile haben Mecklenburg-Vorpommern (30,77 Prozent), Rheinland-Pfalz (30,66 Prozent) und Sachsen-Anhalt (24,46 Prozent).
Nur sieben von 100 Arbeitsmediziner:innen sind unter 40
Der Anteil an jungen Fachkräften in der Arbeitsmedizin ist sehr gering. Nur etwa 7,5 Prozent der Arbeitsmediziner:innen sind jünger als 40 Jahre. In keinem Bundesland gibt es mehr als zehn Prozent junge Arbeitsmediziner:innen. Die wenigsten jungen Arbeitsmediziner:innen gibt es in Hamburg (5,33 Prozent), Niedersachsen (6,07 Prozent) und Sachsen-Anhalt (6,15 Prozent). Die meisten jungen Fachkräfte gibt es im Saarland (8,16 Prozent), in Mecklenburg-Vorpommern (9,62 Prozent) und in Brandenburg (9,86 Prozent).
„Arbeitsmediziner:innen sind für Unternehmen viel mehr als nur eine gesetzliche Pflicht. Sie führen Vorsorgeuntersuchungen durch, beurteilen die Eignung von Mitarbeitenden für bestimmte Tätigkeiten, begleiten die Wiedereingliederung nach längerer Krankheit und beraten bei der Gestaltung sicherer und gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen. Gerade in Branchen mit körperlich anstrengender Arbeit, Schichtdiensten oder hohen psychischen Anforderungen, ist ein verlässlicher Zugang zu arbeitsmedizinischer Betreuung entscheidend. Fehlen ausreichend Fachkräfte, verzögern sich Vorsorgeuntersuchungen und Wiedereingliederungsprozesse, mit spürbaren Folgen für den Arbeitsschutz. Wir beobachten, dass Unternehmen angesichts dieser Engpässe zunehmend auf Effizienz durch Digitalisierung setzen, etwa zur effizienteren Terminplanung und Kapazitätssteuerung im betriebsärztlichen Dienst digital. Ein verlässliches Buchungssystem ist also nicht nur schon heute notwendig, sondern wird auch mit Blick auf den zunehmenden Fachkräftemangel unerlässlich sein”, sagt Lucian Holtwiesche, Co-Founder von anny.


